Zwei Perspektiven verstehen
Kommunikation ist selten eindeutig.
Was gesagt wird, ist nicht automatisch das, was gehört wird. Und was gehört wird, ist nicht zwingend das, was gemeint war.
Gerade in komplexen Arbeitskontexten – Strategie, Veränderung, Führung – prallen unterschiedliche Perspektiven aufeinander. Zwei Menschen, ein Satz, zwei Bedeutungen.
Ein hilfreiches Modell, um das zu verstehen, ist das 2-Ohren-Prinzip.
Das Zwei-Ohren Prinzip: Eine Botschaft, zwei Ebenen
Wir hören nicht nur inhaltlich, sondern auch beziehungsvoll.
Sachebene: Was wird konkret gesagt?
Beziehungsebene: Wie ist das gemeint? Was sagt das über unsere Beziehung?
Ein Satz wie „Das war jetzt nicht ganz vollständig.“ kann bedeuten:
sachlich: Es fehlen Informationen.
zwischen den Zeilen: Ich zweifle an deiner Sorgfalt.
Je nach Ohr, das gerade stärker aktiviert ist, entsteht eine völlig andere Wirkung.
Missverständnisse entstehen oft nicht durch fehlende Informationen, sondern durch unterschiedliche Gewichtung dieser Ebene
Zwei Perspektiven, zwei innere Bilder
Jeder Mensch hört mit seiner eigenen Erfahrung, Rolle und Erwartung.
Führungskräfte hören oft ergebnisorientiert
Mitarbeitende häufig sicherheits- oder beziehungsorientiert
Projektteams schwanken zwischen „Was müssen wir tun?“ und „Was bedeutet das für mich?“
Das Entscheidende:
👉 Im Kopf entstehen unterschiedliche innere Bilder – selbst wenn dieselben Worte benutzt werden.
Genau hier liegt eine große, oft unsichtbare Reibung:
Alle glauben, über dasselbe zu sprechen.
In Wirklichkeit sprechen sie über verschiedene Bilder.
Visualisierung als dritte Ebene der Kommunikation
Visualisierung bringt eine zusätzliche, klärende Perspektive ins Spiel.
Sie wirkt wie ein gemeinsamer Referenzpunkt, der zwischen den Ohren vermittelt.
Statt:
nur zu sprechen
nur zuzuhören
entsteht etwas Neues:
👉 Gemeinsam auf etwas schauen
Visualisierung hilft dabei:
implizite Annahmen sichtbar zu machen
Sach- und Beziehungsebene zu entkoppeln
Missverständnisse früh zu erkennen, bevor sie eskalieren
Ein gezeichneter Prozess, ein visueller Kompass oder eine einfache Metapher schafft Abstand – und gleichzeitig Verbindung.
Drei konkrete Wirkungen von Visualisierung in der Kommunikation
1. Entschärfung von Emotionen
Wenn Inhalte visualisiert werden, rücken Personen in den Hintergrund.
Das Gespräch wird sachlicher, ohne unpersönlich zu werden.
2. Gemeinsames Verständnis statt Einzelsichten
Unterschiedliche Perspektiven dürfen nebeneinander stehen – sichtbar auf einem Bild.
Das fördert Dialog statt Verteidigung.
3. Nachhaltigkeit von Entscheidungen
Was gesehen wurde, bleibt besser im Gedächtnis.
Teams können später auf dasselbe Bild zurückgreifen – auch wenn Worte längst vergessen sind.
Im agilen Umfeld – etwa mit Liberating Structures – geht es darum, alle Stimmen im Raum hörbar zu machen. Visualisierung wirkt hier wie ein Verstärker.
Sie unterstützt:
gleichberechtigte Beteiligung
strukturiertes Denken in Gruppen
kollektive Mustererkennung
Statt dominanter Einzelmeinungen entsteht ein gemeinsames Bild.
Das verändert die Dynamik: vom Diskutieren zum gemeinsamen Gestalten.
Gerade in Transformationsprozessen entsteht so echte Partizipation – nicht nur auf dem Papier.
Fazit: Kommunikation braucht mehr als gute Worte
Gute Kommunikation entsteht nicht dadurch, dass wir noch präziser formulieren.
Sondern dadurch, dass wir unser Verständnis synchronisieren.
Visualisierung ersetzt keine Gespräche.
Aber sie macht hörbar, was sonst zwischen den Ohren verloren geht.
Und genau dort beginnt echte Klarheit.

